Abbitte





Film oder Buch?

Wie es manchmal so ist, hat man das ein oder andere mal neben seinen Verpflichtungen einfach Zeit für nichts außer essen und schlafen - und selbst das wird manchmal eng. Natürlich muss man sich in solchen Fällen von zeitfressenden Büchern fern halten. Man muss eben an dem sparen, was man nicht hat. Freitagabends mag ich es trotzdem, mich mit der Katze vor den Fernseher zu setzten. Wir beide begutachten dann meist abschätzig, wie man die Bücher im nebenstehenden Regal auf dem Fernsehbildschirm festgehalten hat.


das Buch


Abbitte ist ein in vier Teile aufgeteilter Roman von 533 eng bedruckten Seiten. Die ersten 266 dieser Seiten beschreiben die Geschehnisse auf dem Landsitz der Familie Tallis. Briony, die gerade in einer fragwürdigen Phase zwischen Mädchen und Jugendlicher steckt, denkt sich fleißig Geschichten aus, während sie die aufkeimende Romanze zwischen ihrer großen Schwester Cecilia und dem frischgebackenen Landschaftsgärtner Robbie Turner beobachtet. Als in einer lauen Sommernacht die Cousine der beiden Mädchen vergewaltigt wird, beschuldigt Briony Robbie des Verbrechens. Nach seiner Verhaftung hält Cecilia fest an Robbies Unschuld - zu Recht. Doch die Frage, ob Robbie und Cecilia trotz der Lüge der kleinen Schwester ihr Glück gegönnt ist, beschäftigt den Leser auf den folgenden Seiten.
Das Buch ist genau so schrecklich und traurig wie der Film. Es lebt davon, dass die einzelnen Szenen aus der Sicht der verschiedenen Figuren geschildert werden. So nehmen Cecilia und Robbie ihre Beziehung natürlich vollkommen anders wahr als die außenstehende Briony. Der Leser erlebt Missverständnisse, Unrecht und Feigheit so nah mit, dass es regelrecht aggressiv macht, nicht eingreifen zu können. Diesen Schreibstil findet man sehr selten und es unglaublich interessant mit zu erleben, wie unterschiedliche Charaktere eine Handlung durch ihre Wahrnehmungen färben. Abbitte ist ein kleines (oder großes) Meisterwerk.
Ebenso aggressiv wie das Unvermögen mancher Figuren, hat es mich aber auch gemacht, dass sich die Geschichte in eine quälende Länge gezogen hat. Nicht, weil die Geschichte langweilig wäre, ganz im Gegenteil. Das Buch ist hauptsächlich deprimierend, bis es schließlich in eine noch größere Tristesse gipfelt.

https://www.amazon.de/Abbitte-detebe-Ian-McEwan/dp/3257233809/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1488738612&sr=8-2&keywords=Abbitte

Fakten

Originaltitel: Atonement
Verlag: Diogenes
1. Auflage 2002
Seiten:533
ISBN 3-257-23380-9




der Film


Die Leinwandversion von Abbitte ist wie es für Filme nun einmal üblich ist, sehr gerafft. Genau das ist es, warum ich den Film lieber mochte als das Buch. Er war einfacher verdaulich.
Als ich den Fernseher ausgeschaltet hatte, habe ich trotzdem geweint und ernsthaft am Guten in der Welt gezweifelt. Aber es war nicht so endgültig wie nach dem Lesen des Buches. Man hat sich schließlich nach dem Film nicht mehrere Tage mit den Charakteren beschäftigt, sondern nur einige Stunden.
Der Film bringt den Inhalt des Buches wunderbar rüber. Er tut es zwar auf andere Weise - aber nicht unbedingt schlechter. Die unterschiedlichen Blickwinkel der Figuren waren natürlich nicht annähernd so ausführlich; aber darüber war ich an einigen Stellen auch recht froh.
Zusammenfassend leidet man im Buch viel länger mit Cecilia und Robbie mit, sodass einem das Ende wie ein sehr schwerer Ziegelstein ins Gesicht trifft. Dementsprechend wirkungsvoller wird auch die Aussage transportiert.
Der Film macht im Prinzip das Gleiche, nur etwas leichter verdaulich. Man hat alles direkt vor Augen - deswegen kann man sich auch schneller beruhigen, wenn man den Fernseher ausmacht.

Für diejenigen, die den Glauben an das Gute zwischenzeitlich nicht gänzlich in den Wind schießen wollen, empfehle ich also den Film.



https://www.youtube.com/watch?v=B3TdYmx8CjU

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