meine liebsten Klassiker

© Swantje Schurig


Ich gebe zu, ältere Geschichten sind nicht für Jedermann etwas. Aber ich habe das Gefühl, dass viele Klassiker nicht in die Annalen der Literaturgeschichte eingegangen sind, weil sie eine herausragend fesselnde Geschichte aufzuweisen hatten. Man denke nur an Kafka mit seiner Kakerlake Aber bevor ich eine Liste der Klassiker aufstelle, die ich absolut schrecklich fand (was eigentlich auch mal ganz lustig wäre…), sind hier diejenigen unter ihnen, die es aus meiner Sicht verdient haben, immer und immer wieder gelesen zu werden.
Alle Titel stammen aus dem letzten Jahrhundert und sind daher recht moderne Vertreter literarischer Geschichte. Vielleicht ist es gerade die noch  dünne Staubschicht, die sie für mich so interessant macht…

1925: F. Scott Fitzgerald – Der große Gatsby

Inhalt

1922, West Egg: Unser Ich-Erzähler Nick Carraway findet sich auf der Suche nach dem großen Geld in der Nachbarschaft von Jay Gatsby wieder. Auf dem riesigen Anwesen des steinreichen Mannes finden regelmäßig rauschende Partys statt, auf denen der Charme der goldenen 20er wie Konfetti von der Decke regnet. Woher das Geld kommt und wozu die Partys stattfinden? Das interessiert niemanden.
Der geheimnisvolle Gatsby bleibt dem Leser trotzdem nicht lange verborgen. Nick ist als Cousin von Gasbys Jugendliebe Daisy bei ihr und ihrem Polo spielenden und rauchenden Ehemann Tom Buchanan eingeladen. So steigt er hinter die Fassaden der Familie Buchanan – Tom betrügt Daisy schon einige Zeit mit Myrtle Wilson, der Frau des ansässigen Tankstellenbesitzers. Daisy bleibt mit der dreijährigen Tochter aus und vor.
Durch die Bekanntschaft mit Daisy lernt Nick die emanzipierte junge Frau Jordan Baker kennen, die er zwar offensichtlich mehr als attraktiv findet, aber nie eine Beziehung mit ihr eingeht. Stattdessen beschließen beide, ein Treffen zwischen Daisy und Gatsby zu arrangieren.
Daisy hat ihren Mann trotz des Versprechens geheiratet, auf Gatsby zu warten, während dieser seinen Kriegsdienst ableistete. Offensichtlich ist der Plan nicht so aufgegangen, wie Gatsby sich das vorgestellt hatte – und schon entbrennt ein Kampf zwischen Tom und Gatsby um die Liebe zu Daisy.
Während die beiden Herren also an Daisy zerren, die sich ihrerseits auch nicht entscheiden kann, gipfelt das Ganze in einer rasanten Autofahrt in Gatsbys Wagen, bei der Daisy die vor das Auto laufende Myrtle Wilson überfährt. Daisy fährt natürlich einfach weiter. Warum auch nicht.
Dass das noch Konsequenzen haben wird, kann sich auch Gatsby denken. Er will die Schuld für den Unfall aus Liebe für Daisy auf sich nehmen.
Diese Chance bekommt er auch prompt, da Myrtles Witwer Wind bekommen hat, dass es Gatsbys Wagen war, der den Unfall verursacht hatte. Aus Rache erschießt er erst Gatsby und begeht anschließend Selbstmord.
Die Beerdigung besuchen genau 3 Menschen. Von Gatsbys Popularität ist nichts geblieben.

Meine Meinung

Ich mag das Buch so sehr, weil es den Zauber der goldenen Zwanziger zwischen 188 Seiten komprimiert. Es ist weniger die Handlung, die mich so fesselt, als die Stimmung, die das ganze Buch über erhalten bleibt.
Trotz der schillernden Atmosphäre sind die eigentlichen Geschehnisse trüb und düster. Ich habe Gatsbys Figur das ganze Buch über gemocht, obwohl er seine gesamte Existenz Daisy gewidmet hat, die ihn eigentlich… sagen wir „nicht ganz fair“… behandelt hat.
Die wunderschöne Daisy repräsentiert den Kontrast, der sich durch das ganze Buch zieht: sie ist wunderschön, beliebt, gesellschaftlich etabliert. Der goldene Glitzer der Zwanziger fällt ihr förmlich aus den Haaren ihres Kurzhaarschnitts. Doch eigentlich ist sie eine schrecklich unsympathische Figur, wie ich finde.
Trotz des schönen Scheins, war sie weder ehrlich zu Gatsby, noch zu ihrem Ehemann. Schließlich ist sie weder fähig sich für einen Mann zu entscheiden, noch vernünftig mit dem Autounfall umzugehen. Gatsbys ganzes Leid ist gebündelt in der Liebe zu Daisy. Genau dieser paradoxe Kontrast wird bei Gatsbys Beerdigung am deutlichsten- der, der während seiner Partys so beliebt gewesen war, stirbt einsam. Ohne Daisy.


https://www.youtube.com/watch?v=oQqrlXpu1vc
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1956: Friedrich Dürrenmatt - Der Besuch der alten Dame

Inhalt

Dürrenmatts Werk lässt sich glücklicherweise etwas schneller zusammenfassen, als Gatsbys Geschichte. Die Handlung ist eigentlich recht simpel: die Milliardärin Claire Zachanassian will ihre Jugendliebe Alfred Ill tot sehen.
Der hat nämlich die Vaterschaft und damit die Verantwortung für das Kind der damals 17 jährigen Schwangeren durch bestochene Zeugen in einem Gerichtsprozess geleugnet. Das junge Mädchen verlor ihr Kind und fand sich als Prostituierte wieder. Durch geschickte Ehen gelangt sie schließlich zu Reichtum und Ansehen, ist jedoch körperlich und seelisch ein Krüppel.
Als Alfreds und Claires Heimatstadt Güllen wirtschaftlich den Bach runter geht, verspricht Claire den Anwohnern eine mehr als angemessene Summe Geld für Alfreds Leben. Keiner der Bewohner stellt sich direkt gegen ihn. Doch alle, selbst Alfreds eigene Familie nehmen Schulden auf.
Alfred weiß genau um sein Schicksal, obwohl die Bewohner es gegen alle Tatsachen abstreiten. Schließlich wird Alfred durch die versammelte Mannschaft zum  Tod verurteilt. Er findet seinen Platz in dem Sarg, den Claire von Anfang an für ihn bereitgehalten hatte.

Meine Meinung

Oh, es wird mir schwer fallen, mich jetzt kurz zu fassen. Schließlich kann man in Dürrenmatts Stück stundenlang das Wesen des Menschen hinein interpretieren. Und weil ich das so gerne tue, ist dieses Drama eines meiner liebsten Bücher im Regal.
Die Figuren, das Verhalten, die Umgebung – alles ist typisch nach Dürrenmatts Manier eigentlich ziemlich lustig. Aber trotzdem bleibt einem das Lachen oft genug im Halse stecken. Allein die Tatsache, dass Claire die Zeugen von damals blenden und kastrieren lassen hat und sie nun wie kleine Haustiere in ihrem Hofstaat herum führt, ist einerseits irgendwie komisch, während man das Stück liest- legt man das Buch jedoch kurz aus der Hand und denkt ein wenig über das Gesagte nach, dann verschluckt man sich aber dermaßen an seinem Kichern!
„Der Besuch der alten Dame“ ist ein Stück über den Menschen an sich. Eigentlich ist es ziemlich unterhaltend, schafft es aber trotzdem eine ziemlich tiefgehende Botschaft zu vermitteln.

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 1985: Patrick Süskind, Das Parfum

Inhalt


Und zu guter Letzt: Das Parfum. Diese Geschichte sollte wohl jeder mindestens Ansatzweise kennen wurde sie doch, genau wie „Der große Gatsby“ wunderbar verfilmt. 

Der kleine Jean Baptiste wird auf einem Fischmarkt geboren, woraufhin seine Mutter den Weg an den Galgen findet, da sie das Kind wie bei ihren voran gegangenen Geburten für tot hält und ihr Kind  auch am liebsten so hätte.
Nachdem Jean-Baptiste von seiner Amme verstoßen wurde und in sowieso niemand haben will, weil er keinen Eigengeruch besitzt, kommt er in ein Waisenhaus. Dort wollen ihn die anderen Kinder umbringen, da der eigentümliche Junge ihnen Angst macht.
Jean-Baptiste lebt einzig und allein in der Welt des Geruchs. Als er das Ersparte der Besitzerin des Waisenhauses erschnüffelt, wird er an einen brutalen Gerber verkauft.
Aber auch das Leben beim Gerber findet Jean-Baptiste nicht den Tod durch Milzbrand. Durch einen Auftrag kommt er mit einem Parfümeur in Kontakt, bei dem er aufgrund seines Talents eine Lehre anfängt.
Im Vorneherein hatte er ein junges Mädchen aufgrund ihres atemberaubenden Geruches umgebracht, den er jedoch nicht konservieren konnte. Dieses Ereignis treibt ihn an, zu lernen, wie Gerüche konzertiert und zu einer Essenz verarbeitet werden können.
Über einige Umwege gelangt er nach Grasse, wo er angetrieben durch seinen fehlenden Eigengeruch die Düfte von 24 jungen Mädchen sammelt, um aus ihnen ein perfektes Parfum herzustellen. Grenouille wird zum Serienmörder.
Die letzte Essenz verlangt Jean-Baptiste von der wunderschönen Laure, deren Vater sie nach den Morden verzweifelt beschützt. Doch auch sie fällt ihm zum Opfer, ihr Mörder wird durch Bestrebungen von Laures Vaters zu einem brutalen Tot verurteilt.
Doch das Parfum konnte fertig gestellt werden: Grenouille verzaubert die Menschen, die der Hinrichtung beiwohnen wollten sosehr, dass ihn alle, selbst Laures unglücklicher Vater begnadigen und eine allgemeine Orgie entbrennt.
Trotz der allumfassenden Macht, die er durch das Parfum in Händen hält, entschließt sich Grenouille, sich auf dem Fischmarkt seiner Geburt das Leben zu nehmen. Er übergießt sich mit dem Parfum und wird von einigen elenden Figuren mit Haut und Haaren gefressen.

Meine Meinung 


Ausnahmsweise ein Buch, das ich vorrangig wegen der Handlung so sehr mochte. Ich finde es genial, dass das Leben dieser doch recht widerwärtigen Figur so aufregend konstruiert ist. Man weiß nie, was Grenouille als nächstes tun oder lassen wird, ahnt nicht, was einmal aus ihm werden würde und welches Meisterstück er schließlich schafft.
Sein Charakter und die Dinge, die ihm zu dem gemacht haben, was er endlich ist, füllen das Buch und den Kopf des Lesers zu Genüge. Grenouille denkt vollkommen anders als ein normaler, gesunder Mensch. Er hat andere Prioritäten, andere Ziele. Sein ganzes Sein ist durch seine Lebensgeschichte „verkrüppelt“. Süskind erzählt also durch die außergewöhnliche Figur Grenouille eine Geschichte, die ohne diesen meisterhaft gestalteten Charakter nie zu Stande gekommen wäre.
Und zu guter Letzt steht Süskinds Schreibstil, von dem man sich höchst selbst überzeugen muss. Ich finde, „Das Parfum“ ist ein wirkliches Glanzstück, das seine Politur durch den persönlichen Stil des Autors höchst persönlich erhalten hat.

https://www.youtube.com/watch?v=TTgZzn0vWvU
https://www.amazon.de/Das-Parfum-Patrick-S%C3%BCskind/dp/3257228007/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1485704344&sr=8-1&keywords=das+Parfum 


Was ist eurer persönlicher Liebling? Fitzgerald, Dürrenmatt, Süskind, oder doch etwas ganz anderes?


Kommentare:

  1. Super Text! :)
    Ich mag Gatsby am liebsten und fände es toll, wenn du tatsächlich mal über deine 3 Hassbücher schreibst. ;)

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