über den Begleiter einer Epoche


Terror



Schirach hat mit seinem Stück „Terror“ eine große Welle geschlagen. Einem Tsunami gleich, spricht er die Menschen direkt an, appelliert an Moral und Entscheidungskraft eines jeden. Vor den Regungen, die Schirach mit dem Titel und Thema auslöst, kann sich niemand drücken- der 11. September hat sich als Startschuss für den Terror in unserer Nachbarschaft in die Köpfe gebrannt. Terror lässt sich nicht beiseiteschieben wie ein unliebsamer Gang zur Wahlurne. „Das geht mich nichts an.“: eine Lüge. 

Entscheiden muss jeder

Schirach bringt es so wunderbar auf den Punkt, indem er Leser und  Zuschauer in das Kostüm der Schöffen schlüpfen lässt. Das gottgleiche Richten über das Schicksal eines Anderen? Koch ist eine Figur. Er ist der Fantasie eines Autors entsprungen, um eine Rolle zu füllen, die uns grübeln lässt. Wir urteilen nicht über einen Menschen und sein Schicksal. Das, was wir verurteilen oder freisprechen sind eher unsere eigenen Überzeugungen. Unsere Entscheidung wird nicht durch das leitende Gewissen des Gesetzes geprüft. Bei der Hand haben wir nur unsere eigenen Überzeugungen. Demnach erhebt sich durch Schirachs Werk nicht Kunst über Justiz – er zieht dem Gewissen nur eine Richterrobe an.

Angst, ein festlegender Faktor

Verzweifelte Menschen, die sich aus dem brennenden World-Trade Center in den Tod stürzen: ein grausamer Anblick. Dieses Gefühl, das man mit der Erinnerung an die Bilder der Nachrichten dieses Tages verknüpft, ist Mitleid. Wir empfinden nach, was den Fremden auf dem Bildschirm zum Sprung in den Tod getrieben hat, indem wir uns vorstellen, wir wären an seiner Stelle. Wir wollen keinesfalls erleben, was unser Mitleid erregt. Was nach Mitleid, Trauer und Schock bleibt, ist Angst.
Terror ist wie eine Seuche – er lauert immer und überall. Fußballspiel, Konzert oder der tägliche Gang zur Arbeit; diese Angst wird Teil unseres Lebens. Das ist es, was Terror bezweckt. Nicht Tot oder Leid knebeln das freie Denken, sondern die Angst, die daraus resultiert. Sie droht Werte zu beschränken, die uns hoch und heilig sind. Der Anschlag auf Charlie Hebdo war ein Anschlag auf die freie Meinungsäußerung. Ein Anschlag auf Menschen, die für ihre Ansicht durch Wort und Schrift einstanden. Der Hintergrund ist eindeutig: die Angst vor weiteren Anschlägen auf eine freie Meinung soll diejenigen verstummen lassen, die unsere  Demokratie durch freies Denken ausleben.
An diesen Punkt knüpft Schirach an. Ändern wir unsere Überzeugungen im Anbetracht einer neuen Bedrohung? Passen wir uns an, um größeres Unheil zu verhindern? Oder schließen wir unsere Faust fest um die Entscheidungen, die wir fern ab der heutigen Situation für unser Handeln vorbestimmt haben?  Für diese Fragen gibt es weder „Richtig“ noch „Falsch“. Entscheidend ist der Weg zur Antwort- was  treibt mich zu meiner Entscheidung an.

Kunst und Terror

Die Einzigartigkeit der Kunst: sie bewegt Menschen im Innersten, regt zum Hinterfragen an, ohne eine Antwort vorgeben zu müssen. Ohne zu sagen, was „Richtig“ oder „Falsch“ bedeutet. Kein Kunstwerk kann eine universelle Antwort auf die Fragen liefern, die der Terror mit sich bringt. Aber das kann niemand, weil jeder Mensch selbst betroffen ist, weil jeder Mensch selbst entscheiden muss.
Koch hat seine eigene Entscheidung getroffen. Durch das Beurteilen seiner Handlung sind wir nicht die Richter über eine Person, die als Angeklagter vor uns sitzt, sondern finden einige unserer eigenen Antworten auf Angst, Trauer und Bedrohung.

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