Warum ein Leben ohne Goethe sinnlos ist



Mein alter Freund Goethe begleitet mich mehr oder weniger freiwillig schon eine ganze Zeit. Zu einem deutschen Schüler gehört Goethe wie das Zähneputzen zum Zahnarzt. Obwohl ich mich glücklich schätzen kann, anders als die meisten meiner Mitschüler, Goethe als recht ertragbar zu erachten, ist er bei weitem nicht mein Lieblingsautor. Man sieht mich eher Schillers Maria Stuart anhimmeln als mit Goethes Gretchen zu fühlen. Goethe kam mir immer ein wenig selbstverliebt vor, wenn man das an den Werken eines Dichters fest machen kann. Ich weiß nicht, wie der alte Herr es geschafft hat, mich so fühlen zu lassen – aber ich finde ihn unsympathisch. Ein guter Grund für mich, mich ein wenig mehr mit seinem Leben und Wirken auseinander zu setzten. Vielleicht war er ja doch ein ganz netter Kerl.

Inhalt

Stefan Bollmann ist nicht der Erste, der sich mit Goethes Leben beschäftigt hat. Goethebiografien gibt es wie Selbsthilfebücher in rauen Mengen. Es gibt schließlich auch eine Menge zu berichten, schließlich hatte der Dichter über 80 Jahre Zeit, diese Bücher gebührend zu füllen. Auf eine bestimmte Art und Weise wird „Warum ein Leben ohne Goethe sinnlos ist“ Biografie und Selbsthilfebuch kombiniert. Bollmann nimmt den Leser auf eine gedankliche Reise durch Goethes Leben, Wirken und Denken. Von „Wie man die Jugend übersteht- und ein eigenes Leben beginnt“ bis zum letzten Kapitel „Wie man der eigenen Kreativität folgt- und über sich hinaus wächst“ wird man mit Goethe alt und erhält allerhand Weisheit auf dem Tablet des Dichters serviert.


Leseeindruck der ersten Zeilen des Buches


Dass ein Leben ohne Mops sinnlos ist, wissen wir. Aber ohne Goethe? Eine Freundin berichtete von ihrer Großmutter, einer bekannten, mittlerweile verstorbenen Goethe-Forscherin. Kein Besuch bei der an und für sich umgänglichen alten Dame verging, ohne dass den Enkeln Goethe nahegebracht wurde, in der Regel durch Vorlesen und Rezitieren der Originaltexte, von Gedichten, Dramen und Prosa.

Aus meiner Sicht

Wahrscheinlich habe ich schon anklingen lassen, dass ich nicht der Größte Befürworter von Büchern bin, die in irgendeiner Weise auf Selbsthilfe hinaus laufen. Bevor ich das Buch das erste Mal aufschlug, hatte ich es gekauft, um mich ein weiteres Mal mit Goethes Leben zu beschäftigen. Nur aus einem anderen, abwechslungsreicheren Blickwinkel. Diese Erwartung hat das Buch erfüllt. Bollmanns Herangehensweise an die doch schon recht durchgekaute Thematik Goethes Lebens ist erfrischend und kreativ. Die Meisten wissen mindestens aus dem Deutschunterricht in groben Zügen, was der Dichter so in seinem Leben verbrochen hat. Es hat mich gefreut zu sehen, dass jemand sich Gedanken gemacht hat, einen alt bekannten Stoff zu entstauben und neu zu gestalten.
An dieser Stelle muss ich leider sagen, dass mich persönlich eben diese „Selbsthilfeaufbereitung“ überhaupt nicht begeistern konnte. Ich mochte es schlicht und einfach nicht. Es ist wirklich schwer für ein solches Buch, dass ich mich nicht belehrt fühle. In kleinen Hapsen habe ich das ein oder andere Kapitel als wunderbar philosophisch und zum Nachdenken anregend empfunden. Aber in größeren Mengen habe ich nichts weiter als Bauchschmerzen davon getragen. Und ein ganzes Buch ist am bitteren Ende einfach eine viel zu große Mahlzeit an Goethes Lebensweisheit für mich gewesen.
Nach der letzten Seite frage ich mich, was es mit dem Kult um Goethe auf sich hat. Ich denke, ich muss mich damit abfinden, dass Goethe und ich einfach nicht füreinander bestimmt sind und ich gezwungen bin, unsere komplizierte Beziehung zu beenden. Nicht einmal Stefan Bollmann konnte uns mit Witz und charmanter, abwechslungsreicher Erzählweise zusammenführen. 

Fakten

Originaltitel: Warum ein Leben ohne Goethe sinnlos ist
Verlag: DVA
1.Auflage 2016
Seiten: 288
ISBN 978-3-421-04680-2




Copyright

Bild 3: DVA

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